Julius Evola

TRÄGER DES EUROPA-MYTHOS

In einem im Juniheft 1951 dieser Zeitschrift erschienenen Beitrag habe ich auf die Schwierigkeit der europäischen Einigung hingewiesen, die sich erhebt, wenn diese Frage vom geistigen und organischen und nicht nur vom zufälligen, zeitbedingten Standpunkt der Sicherung gegen die äußeren Gefahren auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet betachtet wird.
Diese Schwierigkeit rührt hauptsächlich daher, daß dem Wort "Europa" gegenwärtig nicht mehr eine einheitliche, wirkliche, jenseits der Verschiedenheiten unseres Erdteils waltende Ьberlieferung entspricht. Wir haben ferner darauf hingewiesen, daß auch die "europäische Kultur" schon seit langem aufgehört hat, etwas zu sein, das uns einerseits fest vereinigt, anderersits wirklich von den andern Völkern trennt, da derselbe Kulturtyp sich nunmehr so gut wie überall hin verpflanzt hat. Daher müssen wir zuerst von Europa als einem "Mythos" ausgehen, einer Idee, der die Kraft erst verliehen werden soll, zu wecken und zu ordnen, was noch an Brauchbarem in einer uneinheitlichen Welt, in einer Welt der Trümmer vorhanden ist.
Auch wenn das Problem in diesem Sinne aufgefaßt wird, ist es nicht leicht zu lösen, weil man den Angriffspunkt für diese Idee, sozusagen ihren geistigen "Ort", ebenso wie ihre haupsächlichsten Träger erst zu bestimmen hat. Daß man dabei wesentlich mit der Tatkrar von E l i t e n rechnen muß, dürfte jeder einsehen. Im erwähnten Artikel sagten wir, daß eine Einheit im Geiste dessen, was immer als unverfälschte europäischen Ьberlieferung gegolten hat, nur durch die "Spitzen" und nicht von unten her verwirklicht werden kann. Die europäische Einheit wird nicht eine gemischte soziale Masseneinheit sein, sondern ein hierarchisches und organisches Gebilde als Folge des syntonischen Wirkens und Denkens nationaler Zentren, die jedoch in jeder anderen Hinsicht ihre Eigenart und eine weitgehende geistige und politische Eigengesetzlichkeit bewahren sollen.
Das Grundhindernis, auf das man stößt, wenn man in dieser Richtung vorgehen will, liegt in der Zerspaltenheit der modernen Kultur. Der in höhrem Sinne normale Zustand, wie er beeits von Plato gefordert und später nicht selten in der Geschichte verwirklicht wurde, dem gemüß die Träger der politischen Macht und die der geistigen Werte einem und demselben Stand angehören, wäre die beste Voraussetung für die europäische Verständigung durch Eliten und "Zentren"; diese Voraussetzung ist aber heute weder in Europa noch anderswo gegeben. Daher muß man auf z w e i Gebieten wirken, die in den gegenwärtigen europäischen Nationen getrennt sind, in der Hoffnung, daß sie unter besonderen Umständen zur Einheit verschmelzen vermögen: Einerseits ist die Verständigung zwischen politischen Führern, andererseits das Zusammentreffen geistiger Menschen auf höherer, nicht nur politischer und nationaler Ebene anzustreben.
Was die erste Aufgabe betrifft, müssen wir betonen, wa wir schon früher hervorgehoben haben: Man kann an keine Beständigkeit des Ganzen, in unserem Falle der eventuellen europäischen Einheit denken, wenn diese Beständigkeit nicht schon in den Gliedern gesichert wird.
Demokratisch-parlamentarische Systeme erfüllen jedoch diese Bedingung nicht; es fehlt ihnen die fortwirkende Beständigkeit des politischen Willens, und sie schließen der schöpferischen "Mitte" aus. Auf politischem Gebiet sollte man daher mit einer nationalen Ordnung und einem entsprechenen vertikalen Aufbau anfangen, der genügend Spielraum für unterschiedliche, der Eigenart der verschiedenen Völker gemäße Lösungen lassen muß. Dazu werden nicht wenige Ьberwindungen nötig sein, wegen des gegenwärtig vorherrschenden Klimas in den europäischen Räumen, die mehr oder weniger durch nicht-europäische oder von einem in Erwartung begriffenen Europa herrührenden Ideologien beeinflußt sind. Einen anderen Weg, um "Ernst damit zu machen" gibt es aber nicht.
Was nun die geistigen Eliten anbelangt, ist vor allem gegen jeden "Intellektualismus" Stellung zu nehmen. Man täuscht sich sehr, wenn man meint, etwas Wertvolles für unsere Aufgabe könne durch Mobilmachung und Verständigung von Intellektuellen, Schriftstellern und Professoren aus den verschiedenen Nationen gewonnen werden. Nein - ganz verschieden sollten die Anstöße sein, in ganz andere Schichten greifen, und ganz anders geartete Träger des neuen europäischen Mythos berühren. Alles, was im allgemeinen der bürgerlichen Kultur mit ihrem Individualismus, Liberalismus und Humanismus und ihrer Feindseligkeit gegen das Politisch-Männliche und das Politisch-Organische angehört, sollte ausgeschaltet werden, da es der Härte und ursprünglichen Unbedingtheit unserer Zeit nicht gewachsen ist.
Welche Kräfte könnten dann als Elemente der neuen geistigen Front jenseits der nationalen Zersplitterung in Frage kommen? Unseres Erachtens müßten Kräfte angesprochen werden, die sich aus ganz entgegengesetzten Gründen außerhalb von bürgerlicher Kultur und Intellektualismus befinden: einerseits alle, die irgendwie - durch inneres Gebot, Blut oder Ьberlieferung - noch Träger der alten Werte sind, die v o r der bürgerlichen Revolution und Kultur des dritten Standes weltanschaulich und politisch bestimmend waren; andererseits die Vertreter einer Generation, die durch die Prüfungen, den Nihilismus und die Tragik der letzten Jahre existentiell jenseits der gestrigen Kultur und Weltanschaung betracht wurde und für die es keine Rückkehr gibt. Zwei Extreme, die sich miteinander verschmelzen und ergänzen sollten.
Für die erste Gruppe könnten Menschen aus alten europäischen Familien in Betracht kommen; freilich kann nicht nur der Namen, den sie tragen, sondern es muß der Wert ihrer Persönlichkeit gelten. Diese Doppelbedingung ist selten erfüllt; aber es gibt Ausnahmen, und oft handelt es sich nur um die Erweckung und die Belebung eines überdeckten Erbgutes. Konservatismus im schlechten Sinne ist mir dieser Forderung nicht gemeint; es handelt sich gewiß um eine "Bewahrung" (conservatio); aber eine Bewahrung nicht des Toten bzw. Zeitbedingten, sondern des Lebendigen - der Werte, Gesetze und Empfindungsarten, die nicht lediglich durch besondere Ausdrucksformen der Vergangenheit bedingt sind, sondern als Charakter udnd Haltung zu Geltung kommen. So widersinnig diese Feststellung auch scheinen mag: Die Bezugnahme auf das Traditionsgebundene wirkt nur dann als Hindernis und verwerfliche Trägheit, wenn man sich auf das verflossene und nicht auf das wahrhaft Ursprüngliche bezieht. Dem wirklich Ursprünglichen wohnt hingegen eine unerschöpflich erneuernde und revolutionäre Kraft inne; das kündet schon das alte Wort: Usu vetera ab imo novant - Die alten Kräfte erneuern sich aus dem Urgrund.
Gerade darum ist das Zusammentreffen und das Sich-Verstehen möglich zwischen den wenigen, bei denen die Fäden der alteuropäischen Tradition aufgrund des Bluterbes nicht zerrissen sind, sondern standgehalten haben, und den Männern einer
n e u e n Generation, die hauptsächlich durch die Läuterung des Krieges gestaltet wurde. Man hat oft von ihr als von der "verbrannten Generation" (la generazione bruciata) gesprochen. Bei ihnen ist das Mißtrauen gegen die Mythen, die Parolen und die Ideologien von gestern und - noch mehr! - von heute bezeichnend, und das gilt in gleichem Maße auch für viele, die auf der a n d e r e n Front im zerrissenen Europa 1919-1945 gekämpft haben. Wo der Vorgang nicht in einem moralischen Zusammenbruch seinen Abschluß gefunden hat, wo innerlich standgehalten wurde, findet man einen neuen Ernst, eine neue Liebe für das Unbedingte und Wesentliche, darüber hinaus Stilelemente, die in den verschiedenen Nationen Europas die gleichen sind und beinahe dieselbe Menschenart in verschiedenen Abwandlungen wiederholen. Dieser Mensch ist durch eine unaufdringliche, schlichte und schlackenfreie heroische Haltung gekennzeichnet, besonders wo er durch den Kampf auf verlorenen Posten und zwischen den Trümmern - geistigen mehr als materiellen Trümmern - der Nachkriegszeit Form gewonnen hat.
Von diesen Männern können Brücken geschlagen werden über das, was uns trennt, zur Bildung einer übernationalen Einheit h e r o i s c h e r Art - der einzigen, die über die Egoismen, die Beschränktheiten und die Umtriebe der kleinen, ängstlichen europäischen Tagespolitik herausführen kann. Es sind also diese neuen Kräfte, die gewonnen werden sollten, indem man auf sie gemäße orientierende Einflüsse ausübt - mehr durch Beispiele als durch Lehren - und ihnen den Europa-Mythos als Bezugspunkt für eine Treue - fides! - höherer Ordnung stellt, die überall, wo es nötig ist, alles unterzuordnen vermag, was der partikularistischen, grob realistischen, materialistischen und chauvinistischen Ebene angehört.
All dies wird nicht möglich sein, wenn sich zwischen den beiden Kolonnen, d.h. den restlichen Vertretern des traditionsgebundenen Europas und den neuen Kräften, die durch das Feuer gegangen sind, eine für beide Seiten ergänzend wirkende Fühlung herstellen wird, wobei das erste Element die Richtung, das andere die bewegende reine Kraft zu geben hat. Ich glaube, daß nur auf diese Weise das Wiederaufstehen Europas, soweit es noch möglich ist, vorbereitet werden kann. Wo aber in den verschiedenen Völkern Europas eine derartige Entwicklung umsich greift, wird sie sicher eine allmählich auch ins politische und Staatliche wirkende Veränderung der Atmosphäre zur Folge haben. Die "Zentren", von denen wir gesprochen haben, werden nach und nach Form nehmen und als einzige Träger ungebrochenen Willens in unseren Völkern erscheinen.
Schon vor dem Weltkrieg 1939-1945 glaubten wir, daß eine Aktion in diesem Sinne möglich wäre; sie hätte als erstes eine Art Orden ins Leben rufen müssen als Ausdruck eines neuen und zugleich traditionsgebundenen Europas. Dieses Streben wurde sogar von einer europäischen Großmacht unoffiziell gefördert. Heute ist die Aufgabe unendlich schwerer. Aber wir erkennen zwei fördernde Faktoren: auf der einen Seite die reine Kraft derjenigen, die trotz allem noch aufrecht bleiben und den Nullpunkt der früheren Werte hinter sich haben, auf der anderen Seite die Beschleunigung des geschichtlichen Prozesses, die bald zu Einsicht führen wird, welcher Weg noch offen bleibt, wenn bei uns nicht alles zugrunde gehen soll. Dem Europa, das nur zu debattieren und mit den Ideologien einer verurteilten Vergangenheit zu spielen weiß, ist der Zusammenschluß von Zentren des geistigen Widerstandes, einer heroischen übernationalen Solidarität, entgegenzustellen - bis zu dem Augenblick, wo sie sich auch politisch in der Gestaltung einer organisch-hierarchischen Einheit auswirken kann.

(aus: Nation Europa, 3/1952, S.20ff.)



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