Julius Evola

ÜBER DIE ALT-ARISCHE AUFFASSUNG DES SIEGES UND DES "HEILIGEN KAMPFES"

Die moderne Welt befindet sich einer Alternative gegenüber, in der die Hauptwurzel ihrer geistigen Krise zutage tritt. Einerseits haben wir eine Kultur ohne Leben, eine Ethik des ungewissen, einen Glauben, der im Grunde recht wenig unserem Lebensstil entspricht. Auf der anderen Seite haben wir eine paroxystische Entwicklung all dessen, wa Tathandlung ist, freilich in einem zu oft matrialistischen und fast barbarisch zu nennenden Sinn. Kaum nötig, hervorzuheben, wie von diesem beiden Termini, der zweite sich von Tag zu Tag als der überwiedgende erweist. Unsere Zivilisaton steht ganz wesentlich im Zeichen der A k t i o n. Dies vor allem darum, weil die dem Abendlande eigene Überlieferung tatsächlich eine Tradition nicht der reinen Erkenntnis oder der Beschaulichkeit, sondern der T a t ist. Doch die heute allgemein bekannte Aktion ist eine entptenzierte, weil verweltlichte und jedes transzendeten Beziehungspunktes beraubte Aktion. Diese Lage entspringt verborgenen, von den meisten kaum geahnten Ursachen. Die Annahme ist nicht gewagt, daß in gewisser Hinsicht das Christentum eine dieser Ursachen ist. Dieser Glaube, der weder arischer noch römischer, sondern semitisch-südlicher Herkunft ist, kam - anstatt eine Ergänzung unserer alten Tradition zu werden - in vieler Hinsicht als deren brüske Unterbrechung zur Geltung. Die Psychologie lehrt, wie die Hemmungen die Sublimierung lähmen und unterdrückte Energien in Krankheitskeime verwandeln. Analog ist die Diagnose des Prozesses, dem wir hauptsächlich die Säkularisierung und Materialisierung unserer Tradition der Tathandlung verdanken. Die christlich-dualistische Auffasung des Geistes entseelte unsere Kultur der Tat. Sie versperrte ihr den Weg nach oben, den Weg zur absoluten Geistwerdung. Sie errichtete eine unsichtbare, doch hartnäckige Schranke, so daß im Anrennen gegen sie die von den Tatwerten bedingten Kräfte endlich zu ihrer Entladung kein anders Gebiet zugänglich fanden als das des Materiellen. Daraus entsprang eine pathologische Übersättigung dieses Gebietes. Die entweihte und jeder verklärenden Macht beraubte Aktion mußte mit Notwendigkeit zu Fieber und Manie entarten; sie wurde zum Tun um des Tuns willen oder zu einem Tun, das nur zeitbedingten Verwirklichungen verhaftet ist. Von der Reformation un dem Humanismus an hat dieser Prozeß sich nicht mehr aufhalten lassen.
An diesem Wendepunkt unserer Geschichte ergibt sich für die Besten die Notwendigkeit einer Revolte und der Rückkehr zur Tradition einer wieder sakralen und sprituellen Tathandlung. Nur auf diesem Wege kann das arische Abendland seine Befreiung finden udn eine Seele empfangen, die ihm wirklich angemessen ist.
Wir wollen hier einen kurzen Ausflug wagen in eine Welt, die unter dem positivistischen Aberglauben der modernen Zivilistion fast begraben liegt. Wir verfolgen dabei das Ziel, einige Grundbegriffe eben unserer alten gemeinsamen Traditionen der Tat und ihrer Krönung in der mystischen Lehre vom Sieg wieder ans Licht zu ziehen.

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Wir haben hier vom Krieg als von einem "Heiligen Krieg" zu sprechen. Den blutigen Unternehmungen und Eroberungen aller altarischen Völker läßt sich schwerlich eine metaphysische Rechtfertigung und transzendente Absicht absprechen. In dem traditionsbegründeten Weltbild wird jede Wirklichkeit zum Symbol. Dies gilt auch für den Krieg. Auf dieser Grundlage konnten Krieg und "Gottes Weg" nicht selten zu einer und derselben Sache verschmelzen.
Allen sind die charakteristischen Zeugnisse geläufig, die uns in dieser Hinsicht die nordisch-germanische Überlieferung bietet. Wie allgemein bekannt, ist Walhalla der Sitz himmlischer Unsterblichkeit, die den "Freien" göttlicher Abstammung und den auf dem Schlachtfeld gefallenen Helden vorbehalten ist. Der Herr dieser Stätte, Odhin-Wotan wird uns in der Ynglingasaga vorgeführt als derjenige, der mit seinem symbolischen Opfer am Weltbaume Yggdrasil den Helden den Weg gewiesen hat, der zum göttlichen Wohnsitz hinaufführt, wo ewiges Leben blüht, - wie auf einer leuchtenden Bergspitze, die über die Wolken hinausglänzt. Gemäß dieser Überlieferung ist kein Opfer oder Kult dem höchsten Gott genehmer, keines trägt reichere überweltiche Früchte als dasjenige Opfer, welches der Held dadurch bringt, daß er kämpfend auf dem Schlachtfeld fällt. Aber mehr noch: durch die Helden, die fallend Odhin ein Opfer darbringen, wird die Schar derer verstärkt, deren dieser Gott bedarf zum letzen Kampf gegen ragna-rökkr, d.h. gegen das Verhängnis der Verdunkelung des Göttlichen, das seit fernen Zeiten drohend über der Welt liegt. In der Edda heißt es denn auch: "S groß auch die Zahl der in Walhalla versammelten Helden ist, es werden ihrer nie genug sein, wenn der Wolf hervorbrechen wird." - Der Wolf ist hier das Symbol finsterer und wilder Mächte, die zu bändigen und zu unterwerfen ursprünglich der Kultur der Asen gelungen war.
Analog ist die iranisch-arische Lehre von Mithra, dem "Krieger ohne Schlaf", der an der Spitze der fravashi, d.h. der transzendenten Anteile seiner Getreuen, gegen die Feinde des arischen Glaubens ankämpft. Wir werden gleich näher auf die fravashi einzugehen haben, die im Grunde den Walküren der nordischen Überlieferung entsprechen. Zunächst möchten wir jedoch noch den allgemeinen Begriff des "Heiligen Kampfes" mittels dreier weiterer Zeugnisse klären, diewir der islamischen Überlieferung, der mittelalterlichen Kreuzfahertradition und der indo-arischen Überlieferung entnehmen.
Was die islamische Überlieferung angeht, so muß sofort hervorgehoben werden, daß die Idee des Heiligen Krieges ursprünglich persischer, also arischer Herkunft ist und erst später von den arabischen Stämmen übernommen wurde. Dies vorausgeschickt, unterscheidet die islamsiche Tradition zwei heilige Kriege: der eine ist der große Heilige Krieg, der andere der kleine Heilige Krieg. Diese Unterscheidung rührt von einem Ausspruch des Propheten her, der auf der Rückkehr von einer kriegerischen Unternehmung sagte: "Vom kleinen sind wir zum großen Heiligen Krieg zurückgekehrt." Der große Heilige Krieg gehört der geistigen Ordnung an. Der kleine Heilige Krieg ist dagegen der materielle Kampf, der physische Krieg, der in der Außenwelt gegen ein feindliches Volk, insbesondere gegen die Ungläubigen, Ungerechten oder Barbaren ausgefochten wird. Der große Heilige Krieg ist der Kampf des Menschen gegen die Feinde, die er in sich trägt. Genauer gesprochen, ist er der Kampf des Übernatürlichen Elements im Menschen gegen alles, was triebhaft, leidenschaftsbedingt, den Kräften der Natur hörig ist. In diesem Sinne wird in einem Text arischer Kriegerweisheit, in der Bhagavad-gîtâ, gesagt: Durch die Verwirklichung dessen, was jenseits des Verstandes ist, bekräftige Dich durch Dich selbst und töte den Feind in Gestalt des schwer besiegbaren Wunsches." Vorbedingung für das innere Befreiungswerk, ist, daß ein solcher Feind, der "Ungläubige" und der "Barbar" in uns, vernichtend geschlagen wird.
Im Rahmen einer heroischen Tradition wird jedoch der kleine Heilige Krieg als nur äußerlicher Kampf, nur als Weg begriffen, durch dessen Vermittlung eben dieser große Heilige Krieg zu verwirklichen ist. Aus diesem Grunde treten im Islam "Heiliger Krieg" und "Weg Gottes", jihad, oft als Synonyme auf. So lesen wir im Koran: "Es kämpfen auf dem Wege Gottes - d.h. im Heiligen Krieg - diejenigen, welche das irdische Leben dem zukünftigen opfern: denn dem, der auf dem Wege Gottes kämpft und getötet wird, oder dem, der siegt, werden wir hohen Preis zollen." Und weiterhin: "Und diejenigen, die auf Gottes Weg getötet werden, - nimmer leitet er ihre Werke irre. Er wird sie leiten und ihren Herzen Frieden schenken. Und einführen wird er sie ins Paradies, das er ihnen zu wissen getan." Hier wird auf den physischen Tod im Kriege angespielt, dem der sogenannte Mors Triumphalis, der "siegreiche Tod" der klassischen Überlieferung genau entspricht. Doch dieselbe Lehre kann auch in symbolischen Sinne verstanden werden.
Wer im kleinen Krieg einen "großen Heiligen Krieg" zu erleben verstanden hat, hat eine Kraft in sich erzeugt, die ihn instandsetzt, die Krise des Todes zu besieges. Doch auch ohne physisch getötet worden zu sein, kann man den Tod erleben, kann man gesiegt und ein "Überleben" verwirklicht haben. "Paradies", "Himmlisches Reich" und ähnliche Bezeichnungen sind in Wirklichkeit nichts anderes als symbolische Versinnbildlichungen transzendenter Bewußtseinszustände, auf einer höheren Ebene als Leben und Tod.
Diese Betrachtungen dürfen auch als Prämisse gelten, um dieselben Bedeutungsgehalte unter dem äußeren christlichen Gewande wiederzufinden, welches die heroische nordisch-abendländische Überlieferung in den Kreuzzügen überzuwerfen gezwungen war, um nach außen hin in Erscheinung treten zu können. Viel mehr als man im allgemeinen zu glauben geneigt ist, hatte in der Kreuzzugsideologie die Befreiung des Tempels, die Eroberung des Heiligen Landes Berührungspunkte mit der nordisch-arischen Tradition, die sich auf das mystische Asgard bezieht, auf das ferne Land der Asen und Helden, wo der Tod nicht herrscht, und wo die Bewohner sich eines unsterblichen Lebens und eines übernatürlichen Friedens erfreuen. Der Heilige Krieg erschien als ein durchaus geistiger Krieg, so daß er buchstäblich von den Predigern mit einer "Läuterung, gleichsam dem Feuer des Purgatoriums noch vor dem Tode", verglichen werden konnte. - "Welcher Ruhm für Euch, aus dem Kampfe nicht anders denn mit Lorbeeren gekrönt hervorzugehen. Doch wieviel größer der Ruhm, sich auf dem Schlachtfeld eine unsterbliche Krone zu erringen," - so sprach zu den Templern ein Bernhard von Clairvaux. Der "absolute Ruhm" - derselbe, der dem Herrn in Himmelshöhen, in excelsis Deo, von der Theologie zugeschrieben wurde - war auch dem Kreuzfahrer verheißen. Auf dieser Grundlage stellte sich Jerusalem, das erträumte Ziel des "kleinen Heiligen Krieges", in einem doppelten Aspekte dar, als irdische Stadt und als himmlische Stadt und der Kreuzzug als Präludium einer wahrhaft zur Unsterblichkeit führenden Leistung.
Die militärischen Wechselfälle der Kreuzzüge verursachten zunächst Überraschung und Verwirrung. Doch dann hatten sie nur die Wirkung, die Idee des Krieges von jedem Rückstand an Materialität zu läutern. Der unglückliche Verlauf eines Kreuzzuges wurde mit der vom Unglück verfolgten Tugend verglichen, deren Wert nur in Bezug auf ein nicht irdisches Leben beurteilt und belohnt werden kann. Damit wurde ein Standpunkt eingenommen, der über Sieg wie über Niederlage erhaben ist und jedes Werturteil auf die "rituelle" Seite der Tat konzentriert. Den wahrhaften Mittelpunkt bildete demnach der Heilige Krieg, unabhängig von seinen sichtbaren Ergebnissen, als ein Mittel, um aus dem aktiven Opfer des menschlichen Elementes unsterblich machenden Ruhm zu erlangen. Der Dualismus von Sieg und Tugend ist hier selbstverständlich von dem allgemeinen Dualismus beeinflußt, wie er dem christlichen Glauben eigen ist. Trotzdem kommt in dieser Haltung ein höherer Standpunkt erneut zum Durchbruch, der seine Wurzel und seinen logischen Ort nicht so sehr im Christentum als in der heroischen Wirklichkeit des arischen Altertums hat.
Dieser Wirklichkeit gehört die Überlieferung an, wie sie zu einem indoarischen Text, der Bhagavad-gîtâ, zutage tritt. Dieselbe Lehre gewinnt hier eine metaphysische Grundlage. Das Mitleid, das den Krieger Arjûna davon abhält, gegen den Feind ins Feld zu ziehen, wird von dem Gott: "Feigheit, unwürdig eines Edlen und vom Himmel entfernend" genannt. Die Verheißung lautet: "Getötet, - wirst Du das Paradies haben, siegreich, - wirst Du die Erde haben. Deshalb stehe entschlossen auf zur Schlacht." Die innere Ausrichtung, die fähig ist, den kleinen Krieg in den großen Heiligen Krieg zu wandeln, in Tod und triumphierende Auferstehung, wird klar umschrieben: "Indem Du jede Handlung mir weihest", sagt der Gott, "mit dem in höchstem Ichzustand verweilende Geist, fern jedem Gedanken des Besitzes, befreit vom Fieber des Geistes, kämpfe!" In ebenso klaren Ausdrücken heißt es von der Reinheit dieser Handlung: sie muß um ihrer selbst willen gewollt werden, jenseits von jedem empirischen Zweck, von jeder Leidenschaft, von jeder menschlichen Triebfeder. "Indem Du Lust und Leid, Vorteil und Verlust, Sieg und Niederlage im Werte gleichsetzt, bewaffne Dich für die Schlacht: so wirst Du keinen Makel auf Dich laden."
Als weitere metaphysische Begründung erklärt der Gott den Unterschied zwischen dem, was absolute Geistigkeit und als solche unzerstörbar ist - und dem, was als körperliches und menschliches Element nur illusorisch ein Dasein hat. Mit dem Bewußtsein der metaphysischen Unwirklichkeit dessen, was man als vergängliches Leben und sterblichen Leib verlieren, oder dessen Verlust man bei anderen bedingen kann, verbindet sich die Kenntnis jener Erscheinungsform des Göttlichen, der gemäß es eine Macht ist, die in unwiderstehlicher Absolutheit mit sich fortreißt. Der Größe dieser Kraft gegenüber erscheint jede bedingte Daseinsform als Negation. Deshalb gelangt diese Macht zu furchtbarer Offenbarung, wo immer diese Verneinung aktiv verneint wird, das heißt, wo im Ansturm jedes begrenzte Dasein fortgerissen oder vernichtet wird. Die Einzelnen sind dem Werden, der Verwandlung, dem Verschwinden unterworfen, eben weil in ihnen eine Macht lodert, die über wie hinaus transzendiert, eine Macht, die unendlich mehr will, als was sie je wollen können. Auf dieser Grundlage läßt sich die Energie genauer umschreiben, die geeignet ist, die heroische Verwandlung zu bewerkstelligen. Die Werte werden in ihr Gegenteil umgewandelt: der Tod wird Behauptung des Lebens. Der sakrale Krieger erscheint als eine Manifestation des Göttlichen, als metaphysische Kraft der Zerstörung des Endlichen. Er zieht diese Kraft aktiv auf sich, verklärt und befreit sich in ihr, indem er die Fesseln des Menschlichen zerbricht. Die suggestiven Äußerungen eines anderen, doch derselben Tradition zugehörigen Textes lauten: "Das Leben wie ein Bogen; die Seele wie ein Pfeil; als die zu durchbohrende Zielscheibe - der absolute Geist. Mit diesem Geist sich verbinden, wie der abgeschnellte Pfeil sich in sein Ziel einbohrt." Kurz, darin besteht die metaphysiche Rechtfertigung des Krieges, die Wandlung des kleinen Krieges in den "großen Heiligen Krieg", wie er der heroischen indo-arischen Welt geläufig war.

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Damit sind alle Voraussetzungen gegeben, um auch zum Verständnis des innerlichsten Gehaltes vorzustoßen, der einer Gruppe klassischer und nordischer Überlieferungen zugrunde liegt, gipfelnd in der m y s t i s c h e n L e h r e v o m S i e g. Als Ausgangspunkt darf uns dabei die Beobachtung dienen, daß im klassischen und indogermanischen Altertum im allgemeinen mehrere Vorstellungen in eigenartiger Vermengung auftreten: die Vorstellung der Seele als Dämon und "Doppelgänger"; die Vorstellung von einer Todesgöttin; endlich die Vorstellung von einer Siegesgöttin. Mit anderen Worten: es handelt sich dabei um die Idee von einem einzigen Wesen, das gleichzeitig Göttin der Schlacht und des Sieges ist, so wie es das transzendentale Element der Seele verkörpert (Piganiol).
Versuchen wir zu einem geistigen Verständnis dieser verschiedenartigen Elemente vorzudringen. Vor allem gilt es zu prüfen, was für eine Bewandtnis es mit dem "Dämon" oder "Genius" oder "Doppelgänger" hat, und in welcher Beziehung zur menschlichen Seele stehend diese Wesen gedacht wurden. Der Schlüssel dazu ist bereits gegeben in unserer Hindeutung auf jene tiefliegende Kraft, der gegenüber die menschliche Existenz nichts ist als bloße Negation. Hinzuzufügen ist nur, daß diese Kraft in einer Seite ihrer Entfaltung als gestaltende Energie aufgefaßt wurde. Der Dämon ist ähnlich dem "Laren", von denen Makrobius sagt: "Sie sind die Götter, die uns am Leben erhalten. Sie nähren unseren Leib und regulieren unsere Seele." Der antike Mensch sah im Dämon oder Doppelgänger eine tiefliegende Kraft, die insgeheim all jene leiblichen und seelischen Vorgänge leitet, zu denen das gewöhnliche Bewußtsein nicht gelangt, die aber doch unser Dasein und unser Schicksal bedingen. Es darf gesagt werden, daß zwischen Doppelgänger und gewöhnlichem Bewußtsein eine Beziehung besteht wie zwischen individuierendem und individuiertem Prinzip. Das erste ist nach den Lehren der Alten eine überindividuelle Kraft, daher Geburt und Tod überlegen. Das zweite Prinzip ist auf normalem Wege der Auflösung unterworfen. Bemerkenswert ist der Umstand, daß in der nordischen Tradition die Vorstellung der Walküre mit derjenigen der fyljgya verschmilzt, das heißt mit einer im Menschen wirkenden geistigen Wesenheit, deren Macht sein Schicksal anheimgestellt ist. Dasselbe gilt für die frawashi, wie die Walküren, schreckliche Kriegsgöttinnen, die Glück und Sieg verleihen. Verweilen wir einen Augenblick bei dieser Gleichsetzung.
Es ist bekannt, daß das indogermanische Altertum eine ausgesprochen aristokratische Auffassung von der Unsterblichkeit besaß. Nicht alle entrinnen der Selbstauflösung, dem erloschenden Scheindasein im Hades und in Niflheim. Die Unsterblichkeit ist ein Vorrecht weniger, und im wesentlichen ein heroisches Vorrecht. Ein Nachleben nicht als Schatten, sondern als Halbgott ist nur denen gewährt, die eine besondere geistige Tat von der einen zur anderen Natur erhoben hat. Hier können wir leider nicht alle Belege anführen, die zur folgenden Schlußfolgerung hindrängen: im technischen Sinne bestand eine solche geistige Handlung nach den alt-arischen Überlieferungen in einer Wandlung des Selbstsinnes vom gewöhnlichen menschlichen Bewußtsein, das beschränkt und individuiert ist, zu einer tiefen, überindividuellen, individuierenden Kraft, die jenseits steht von Leben und Tod, und von der wir gesagt haben, daß ihr die Vorstellung des "Dämons" entspricht.
Doch der Dämon transzendiert jede der endlichen Formen, in denen er sich offenbart. Deshalb hat der brüske Übergang vom gewöhnlichen Ichzustand zum "dämonischen" Zustand die Bedeutung einer zerstörerischen Krise: wie ein Blitzschlag infolge eines zu hoch gespannten Potentials. Eine solche Zerstörung und Krise vollzieht sich tatsächlich durch den Tod. Nehmen wir nun an, daß unter ganz außergewöhnlichen Umständen der Dämon sozusagen in uns hereinbrechen und uns so seine zerstörerische Transzendenz fühlen lassen kann: dann hätte man eine Art aktiven Erlebnisses des Todes und es wird nun klar, warum die Gestalt des Doppelgängers oder Dämons in den antiken Vorstellungen mit der Gottheit des Todes verschmelzen konnte. In der nordischen Überlieferung s i e h t der Krieger seine Walküre eben im Augenblick des Todes oder der Todesgefahr.
Gehen wir weiter. Sind in der religiösen Askese, Abtötung, Verzicht auf eigene Ich, Elan der Hingabe an Gott die bevorzugten Mittel, mit deren Hilfe man es unternimmt, die eben angedeutete Krise erfolgreich zu überwinden, so ist dagegen im Rahmen einer heroischen Tradition der Weg zu diesem Ziel der aktive Aufschwung, die Entfesselung des Tatelementes. Als niedere Erscheinungsform dieses Elementes sehen wir so z.B. d e n T a n z als heilige Methode verwandt, um durch die seelische Ekstase tiefer liegende Kräfte hervorzurufen und einzusetzen. In das zu dionysischem Rhythmus entfesselte Leben des Einzelnen senkte sich ein anderes Leben ein, gleichsam als das Auftauchen seiner abgründigen Wurzel. "Wildes Heer", Furien, Erinnyen und andere wilde geistige Naturen sind die antiken symbolischen Verbildlichungen dieser Kraft. Sie entsprechen daher einer Erscheinungsform des Dämons, seiner schrecklichen und aktiven Transzendenz nach. Auf einer höheren Stufe stehen die sakralen Kampfspiele. Noch höher steht der Krieg. Auf dem hellsichtigen Gipfel der Gefahr und des heldischen Kampfschwunges wurde die Möglichkeit eines derartigen Erlebnisses anerkannt. Schon der Ausdruck ludere = spielen, kämpfen enthält nach Brugmann die Idee des Lösens. Es ist dies eine Anspielung auf die dem Kampfe eigene Kraft, tiefere verborgene Kräfte von der individuellen Begrenzung zu entbinden und frei hervortreten zu lassen. Daraus entspringt der Grund für die zweite Gleichsetzung. Der Dämon und die Todesgöttin sind nicht nur mit den Furien, Erinnyen und anderen entfesselten dionysischen Wesenheiten identisch, sie sind gleichwertig auch mit den Sturmjungfrauen der Schlachten. Die frawashi heißen "die schrecklichen, die allmächtigen", "diejenigen, die im Sturm angreifen und den Sieg dem geben, der sie anruft."
Die gleiche Wesenheit nimmt schließlich die Gestalt der Siegesgöttin an. Diese letzte Metamorphose kennzeichnet die glückliche Vollendung der geschilderten inneren Erlebnisse. Ebenso wie der Dämon oder Doppelgänger eine tiefere Macht in ihrem Latentzustand gegenüber dem gewöhnlichen Bewußtsein bedeutet, wie die Furien und Erinnyen eine besondere Erscheinungsform dämonischer Entfesselungen und Ausbrüche widerspiegeln - ebenso ist die Siegesgöttin der Ausdruck des Triumphes des Ichs über diese Macht. Sie bedeutet den sieghaften Aufschwung zu einem Zustand jenseits der Gefahr von Ekstasen und unterpersönlichen Zersetzungsformen, einer Gefahr, die stets hinter dem frenetischen Augenblick der dionysischen Handlung lauert. Sie bedeutet den Aufschwung der Persönlichkeit zu einem geistigen Zustand, der frei, unsterblich, innerlich unzerstörbar macht.
Doch wo die Taten des Geistes sich durch Tathandlungen und reale Tatsachen äußern, da ergibt es sich, daß wirklich das Physische dem Metaphysischen, das Sichtbare dem Unsichtbaren entspricht. Derartige geistige Tathandlungen zeigen sich uns dann als die geheime Seele kriegerischer Unternehmungen, deren Krönung der echte und wirkliche Sieg ist. Der materielle militärische Sieg wird dann zu einer bloßen Entsprechung für eine geistige Tatsache, die den Sieg dort, wo Äußeres und Inneres zusammenhängen, bedingt hat. Der Sieg erscheint so als greifbares Zeichen für eine Weihe und mystische Wiedergeburt, die sich im selben Punkte vollzogen haben. Die Furien und der Tod, denen der Krieger materiell auf dem Schlachtfelde standgehalten hat, begegnen ihm auch innerlich, im Geistigen, in Form eines gefahrdrohenden Aufbruchs der Urtiefen seines Wesens. Indem er über diese triumphiert, ist der Sieg sein. Und der Ruhm, der ihn dann umgibt, ist kein leerer Schall, sondern eine wirkliche Kraft, eine metaphysische Offenbarung, en Aufleuchten der Überwelt.
So erklärt es sich, warum in den antiken Überlieferungen jeder Sieg einen sakralen Bedeutungsgehalt gewann. So bot der auf den Schlachtfeldern bejubelte Kaiser das Erlebnis der Anwesenheit einer mystischen, ihn verwandelnden Kraft. So ist endlich der tiefe, keineswegs theoretische Sinn eines im Ruhm und in der Göttlichkeit der Sieger durchbrechenden überirdischen Charakters zu begreifen. Von der Siegesgöttin Nike empfängt der dorische Held Herakles den Kranz, der ihn teilhaftig werden läßt der olympischen Unsterblichkeit. Wenn die Seelen der Helden von den Walküren - die Walküren wurden gleichzeitig auch als jene Kräfte verstanden, die dem Feinde einen panischen Schrecken einjagen - zum Sitz der Unsterblichkeit geleitet werden, so sind sie es auch, die den Endsieg bestimmen. Die mystische Theologie lehrt, daß sich im Ruhme die seligmachende geistige Schau vollzieht, und die christliche Ikonographie umgibt die Häupter der Heiligen und Märtyrer mit der Aureole des Ruhmes. All dies bedeutet aber eine allerdings verkümmerte Erbschaft unserer höchsten heroischen Überlieferung. Die iranisch-arische Tradition kannte nämlich bereits den als himmlisches Feuer verstandenen Ruhm - hvarenô -, der auf Könige und Führer herabsteigt, sie unsterblich macht und im Siege für sie Zeugnis ablegt. Und die antike königliche Strahlenkrone symbolisierte eben den Ruhm als sonnenhaftes und himmlisches mystisches Feuer. Prüft man den tiefsten Sinn der dem Rittertum eigentümlichen Auffassung der Waffenprobe als eines Gottesurteils, so entdeckt man dieselbe Vorstellung: der Sieg ist gleichbedeutend mit einem übernatürlichen Zeichen für die Wahrheit, die Gerechtigkeit, das Recht. Kraft desselben Gedankens hatte in Rom die Zeremonie des Triumphes einen weit eher sakralen als militärischen Charakter. Der Triumphator zog zum Tempel des leuchtenden kapitolinischen Himmelsgottes, um in seine Hände den Lorbeer des Sieges zu legen, womit ausgedrückt werden sollte, daß der wahre Schöpfer des Sieges nicht so sehr der menschliche und sterbliche Teil des Siegers sei als vielmehr ein transzendentes, überpersönliches Element, das ihn ebenbildlich jenem Gotte angleicht. Aus diesem Grunde bekleidete sich in der Zeremonie des Triumphes der Sieger mit allen der Gottheit eigenen Wahrzeichen und Symbolen. Licht, sonnenhafter Glanz, Ruhm, Sieg, göttliches Königtum sind Vorstellungen, die in der klassischen und indogermanischen Welt in engster Verbindung erscheinen. In diesem Sinne ist uns die mystische Lehre vom Siege ein leuchtender Gipfelpunkt unserer gemeinsamen Tat-Tradition.

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Diese Tradition spricht auch heute noch vernehmbar zu uns. Sie stellt uns auch heute wieder vor die Alternative: Treue oder Verrat. Wir können hier nur die Worte wiederholen, die wir an den Eingang dieses Ausflugs in die alt-arische heroische Welt gesetzt haben. - Heute haben wir in gleichem Maße eine müde, blutleere, aus frömmlerischen Gefühlen oder abstrakter Spekulation geformte Geistigkeit und die materialistische Entartung der Tathandlung zu überwinden. Wenn auch die äußeren und zeitbedingten Erscheinungsformen der alt-arischen Tatüberlieferung der Vergangenheit angehören, so ist doch der ihr innewohnende Geist auch heute noch lebendig und darf ein höchstes Recht beanspruchen gegenüber den alten und neu geschaffenen Idolen.
Vor allem: es muß zu neuem Leben zurückkehren das Ideal einer Kraft, die gleichzeitig Geist ist; eies Sieges, der gleichzeitig Verklärung und erleuchtender Ruhm ist. Möge sich auch weiterhin eine barbarische Zivilisation mit dem tierisch-aktivistischen und mechanischen Lebensideal berauschen - all dies interessiert u n s nicht, betrifft u n s nicht.
Krieg: sagen wir es mit lauter Stimme: der Krieg kann für uns weder ein grausames Gemetzel, noch eine traurige Notwendigkeit sein, sondern der Weg zu einer höheren Lebensform und die Prüfung der göttlichen Sendung eines Volkes.
Für den alten Arier war übrigens jeder Krieg das Gleichnis eines ewig dauernden Kampfes zwischen metaphysischen Mächten: auf der einen Seite stand das olympische, arische Lichtprinzip, die uranische und sonnenhafte Wirklichkeit; auf der anderen Seite stand die rohe Gewalt, das Titanisch-Tellurische, das Barbarische im klassischen Sinne, das Weiblich-Dämonische. Wir haben schon oft die Gelegenheit gehabt, hervorzuheben, daß unsere Kultur heute Jahre der Entscheidung erlebt, deren letzter Sinn in der engsten Verbindung mit einer solchen Erkenntnis unserer Väter steht. Nach dem Zusammenbruch des alten Europas, nach den rationalistischen und individualistischen Verwüstungen und all dem, was der Aufstand der Massen und die Dämonie des materialisierten Kollektivismus auf jedem Gebiet zustande gebracht haben, sind heute dunkle Mächte im Begriffe, sich zum letzten Angriff vorzubereiten. Diesen Kräften entsprechen am genauesten die Vorstellungen der alten Arier bezüglich der unterirdischen Kräfte, denen gegenüber, in der Symbolik des heiligen Kampfes, das sonnenhafte Prinzip der Ordnung mit seiner Miliz stand. Diese Erkenntnis und dieser metaphysische Dualismus sollen heute zu neuem Leben gerufen werden und unserer heroischen Berufung den letzten Sinn verleihen. Eine neue Front soll sich bilden und alle die zusammenfassen, die noch standhalten und Träger der Tradition sind. Aus fernen Zeiten klingt noch die suggestive Formel: Das Leben: wie ein Bogen; die Seele: wie ein Pfeil; das zu treffende Ziel: der höchste Geist.
Sei dies das Losungswort des neuen "Heiligen Krieges", das Prinzip eines unwiderstehlichen, heldischen und gleichsam metaphysischen Schwunges. Vielleicht nie sind unsere alten Mythen der letzten Entscheidung und der letzten Schlacht, der neu erwachenden Heldenschar im Kampf gegen die einbrechende Dämonie der Massenwelt, die sonnenhafte Tradition der Tat und die Mystik des Sieges so intensiv gefühlt worden, wie sie es in den kommenden Zeiten sein werden.

(aus: Geist der Zeit, Bd.17, 10.1939, S.698ff., S.734ff.)



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