Julius Evola

MEINE BEGEGNUNG MIT CODREANU

Das Mißverstandnis des neuen "Heidentums"

Es ist vielleicht angebracht, die Mißverständnisse aufzuzeigen, die einigen radikalen Kreisen im Augenblick unterlaufen sind, wo sie es im Sinne eines Neuheidentums zu lösen glaubten. Dieses Mißverständnis zeigt sich bereits in dem Gebrauch von Bezeichnungen wie "heidnisch" und "Heidentum". Wir selbst, die seinerseits diese Ausdrücke als Losungsworte in einem 1928 in Italien und 1934 in Deutschland erschienen Buch gebrauchten, haben es aufrichtig zu bedauern.

Bei einigen alten lateinischen Schriftstellern, wie z.B. bei Livius, kommt zwar das Wort "Heide", paganus, ohne besonders negative Färbung vor. Das hindert jedoch nicht, daß in dem mit dem Aufkommen des neuen Glaubens geläufig gewordenen Wortsinn paganus - heidnisch - ein hauptsächlich herabsetzender Ausdruck ist, der polemisch von der frühchristlichen Apologetik gebraucht wurde; er stammt von pagus, Dorf, Flecken, womit paganus sich auf eine Denkungsart eines Landbewohners , eines unkultivierten, primitiven und abergläubischen Menschen bezieht. Zur Durchsetzung und Verherrlichung des neuen Glaubens hat diese Apologetik sich der schlechten Gewohnheit bedient, andere herabzusetzen, um sich selbst zu erhöhen. So traf sie eine bewußte und oft systematische Herabsetzung und Entstellung fast aller früheren Überlieferungen, Lehren und Kulte, die sie unter der allgemeinen und geringschätzigen Bezeichnung paganesimus - Heidentum - zusammenfaßte. Zu diesem Zweck hat sie selbstverständlich mit Vorbedacht in den vorchristlichen Kulten und Traditionen die Aspekte hervorgehoben, die keinen normalen, ursprünglichen Charakter hatten, sondern offenbar in Verfall begriffene Formen waren. Ein solches polemisches Vorgehen führte überdies insbesondere dazu, allem, was dem Christentum vorangegangen und einfach nichtchristlich war, einen verbindlichen antichristlichen Charakter zu unterstellen.

So soll man bedenken, daß es ein "Heidentum" gibt, welches im Wesen ein tendenziös "konstruierter" Begriff ist; es entspricht kaum der geschichtlichen Wirklichkeit, nämlich dem, was in allen ihren "normalen" Erscheinungsformen die vorchristliche Welt immer war, abgesehen von einigen dekadenten Seiten oder von Aspekten, die von degenerierten Überresten älterer Kulturen herrührten.

Wer sich einmal darüber klar ist, kommt heute zu folgender paradoxer Feststellung: ausgerechnet dieses nie dagewesene, von der christlichen Apologetik erdachte Heidentum gilt heute einigen "heidnisch" bestimmten Kreisen als Ausgangspunkt und droht somit heute erstmalig in der Geschichte Wirklichkeit zu werden. Nicht mehr und nicht weniger.

Welche sind nun die Hauptzüge der heidnischen Lebensauffassung, wie sie von der Apologetik vermutet und verbreitet wurden? Vor allem das Naturverhaftetsein. Der heidnischen Lebensauffassung sei jede Transzendenz völlig unbekannt. Sie sei in einer Vermischung von Geist und Natur, in einer zweideutigen Einheit von Körper und Seele steckengeblieben. Ihre Religion erschöpfe sich in einer abergläubischen Vergötterung von Naturerscheinungen oder der zu ebenso vielen Götzen erhobenen Stammeskräfte. Daraus erstände in erster Linie ein boden- und blutbedingter Partikularismus. Ferner die Abwesenheit der Werte von Persönlichkeit und Freiheit, ein Unschuldszustand, der lediglich der von Naturmenschen sei, die noch zu keiner wirklichen übernatürlichen Berufung erwacht sind. Außer dieser Unschuld bliebe nur die Zügellosigkeit, die "Sünde", die Sinnenfreude. Auf anderen Gebieten entweder Aberglauben oder rein "profane", stoffliche und fatalistische Kultur. Erst mit dem Christentum sei - abgesehen von gewissen, für unwesentlich gehaltenen Vorwegnahmen - zum erstenmal die Welt der übernatürlichen Freiheit, nämlich der Gnade und der Persönlichkeit im Gegensatz zum "heidnischen" Schicksalsglauben und Naturbefangensein zum Durchbruch gekommen, ein "katholisches" - d.h. ethymologisch universelles - Ideal, ein gesunder Dualismus, der die Unterordnung der Natur unter ein höheres Gesetz von oben und den Sieg des "Geistes" über das Gesetz des Fleisches, des Blutes und der falschen Götter ermöglicht.

Dies sind die Hauptzüge der vorherrschenden Auffassung vom Heidentum, d.h. von allem, was nicht spezifisch christliche Weltanschauung bedeuten soll. Was sie an Unrichtigem und Einseitigem darlegt, leuchtet jedem ein, der sich eine - sei es nur elementare - direkte Kenntnis auf dem Gebiet der Kultur- und Religionsgeschichte zu eigen gemacht hat. Übrigens finden sich schon in der Frühpatristik oft Zeichen höheren Verständnisses für die Symbole, Lehren und Kulte der vorangegangenen Kulturen. Hier sei nur einiges hervorgehoben. 

Vor allem war die vorchristliche Welt in allen ihren normalen Formen nicht durch die abergläubische Vergötterung der Natur, sondern durch eine symbolische Auffassung dieser gekennzeichnet, kraft derer - wie wir oft hervorgehoben haben - jede Erscheinung und jede Handlung als die sinnliche Offenbarung einer übersinnlichen Welt erschien: die "heidnische" Welt- und Menschenauffassung hatte wesentlich symbolisch-sakrale Züge.

Des weiteren war die "heidnische" Lebensart durchaus nicht die einer albernen "Unschuld" oder einer naturhaften Zügellosigkeit, es sei denn in einigen Formen offensichtlicher Entartung. Sie kannte schon einen gesunden Dualismus, der sich auch in allgemeinen religiösen oder metaphysischen Auffassungen widerspiegelt. Es sei hier die schon angedeutete und allen bekannte dualistisch-kämpferische Religion der Arier des alten Irans, der hellenische Gegensatz zwischen den "beiden Naturen", zwischen "Welt" und "Überwelt" oder der nordische zwischen dem Geschlecht der Asen und den Elementarwesen und schließlich der indoarische Gegensatz zwischen samsâra, dem "Strom der Formen", und mûkthi, "Befreiung" und "Vollendung" erwähnt.

Auf dieser Grundlage war das Streben nach einer übernatürlichen Freiheit, d.h. nach der metaphysischen Vollendung der Persönlichkeit allen großen vorchristlichen Kulturen gemeinsam, die auch alle Mysterienwesen und "Initiationen" kannten. Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß die "Mysterien" oft die Wiedereroberung des "Urzustandes", der Geistigkeit der sonnenhaften, hyperboreischen Rassen auf Grund einer Überlieferung und eines Wissens bedeuteten, die durch das Geheimnis und die Ausschließlichkeit vor den Verunreinigungen einer schon verdorbenen Umwelt behütet wurden. Man hat ferner gesehen, daß im Morgenlande bereits das Arische sich mit einer durch die Initiation bewirkten "zweiten Geburt" verknüpfte.

Was nun die naturhafte Unschuld als "heidnischer" Kult des Leibes anbetrifft, so ist sie ein Märchen und nicht einmal bei den Wilden feststellbar, da bei diesen, trotz der schon angedeuteten inneren Undifferenziertheit der "naturverhafteten" Rassen, das Leben durch zahllose Tabus oft strenger gehemmt und gebändigt ist als je durch die Moral der sogenannten positiven Religionen. Und was für eine oberflächliche Betrachtung den Prototyp einer solchen "Unschuld" verkörpern würde, nämlich das klassische Ideal, war gar nicht der Kult des Körpers, lag nicht diesseits, sondern jenseits des Dualismus zwischen Körper und Geist. Wie schon angeführt, ist das Klassische das Ideal eines so weit beherrschenden Geistes, daß er unter gewissen günstigen geschichtlichen Bedingungen Körper und Seele zu seinem Abbild gestaltete und damit eine vollkommene Übereinstimmung zwischen Innerem und Äußerem bewirkte.

Schließlich ist ein überpartikularistisches Bestreben überall in der "heidnischen" Welt festzustellen, wo in der aufsteigenden Phase der Rassen nordischen Ursprungs eine Berufung zum Imperium zum Durchbruch kam. Eine solche Berufung wurde oft auch metaphysisch gesteigert und gerechtfertigt und erschien als natürliche Folge der Erweiterung des alten sakralen Staatsgedankens und als die Form, in welcher sich die sieghafte Gegenwärtigkeit der "Überwelt" und des väterlichen-olympischen Prinzips in der Welt des Werdens zu offenbaren suchte. In dieser Hinsicht könnten wir an die alte iranische Auffassung des Reiches und des "Königs der Könige" mit der entsprechenden Lehre des hvarenô (des von den arischen Herrschern getragenen "himmlischen Ruhmes"), an die indoarische Überlieferung des "Weltkönigs" oder cakravartî usw. erinnern, bis zum Widerschein solcher Bedeutungsgehalte, wie sie in den "olympischen" Voraussetzungen des altrömischen Staats- und Reichsgedankens vorhanden waren. Auch das altrömische Reich hatte nämlich einen sakralen Gehalt, der systematisch nicht nur vom Christentum, sondern auch von der "positiven" Geschichtsschreibung verkannt oder gering geschätzt wurde. Sogar der Kaiserkult hatte den Sinn der hierarchischen und einenden Spitze eines Pantheons, d.h. einer Reihe einzelner boden- und blutbedinger Kulte der nichtrömischen Völker, Kulte, die ohne weiters geachtet wurden, wo immer sie sich innerhalb ihrer normalen Grenzen hielten. Was letztlich die "heidnische" Einheit der beiden Gewalten, der geistigen und der weltlichen, anbetrifft, so war sie weit davon entfernt, deren Vermengung zu bedeuten, die drückte das höchste Recht aus, das nach Auffassung einer "sonnenhaften" Rasse der geistigen Autorität im Mittelpunkt jedes normalen Staates zukommen muß: also etwas ganz anderes als Emanzipation und "Oberhoheit" eines nur säkularen Staates. Wollten wir ähnliche Berichtigungen im Sinne einer reinen Sachlichkeit treffen, so bliebe nur die Qual der Auswahl.

(Civilta, 9./10.1973, Ubersetzung: Vorderste Front, Nr. 6, 10.1994)



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