Julius Evola

UNSERE ANTIBÜRGERLICHE FRONT

Erst krzlich hat Mussolini wieder gegen den "brgerlichen Geist" Stellung genommen, die in ihrer Entschiedenheit reich an bedeutsamem Gehalt ist. Mussolini hat erklrt, da brgerlicher Geist und faschistischer Geist, brgerliche Ethik und heldische Ethik unvereinbare Gegenstze sind. Schon frher einmal hatte er geuert: "Der Faschismus verschmht das bequeme Leben". All dem, was die Geschichte zu brgerlicher Unbeweglichkeit verurteilen kann, hat Mussolini in der neuen Rede, auf die wir uns hier beziehen, das Prinzip einer "kontinuierlichen Revolution" gegenbergestellt, also einer ununterbrochenen schpferischen Spannung, die, verborgen und unsichtbar in der "grauen Mhe des tglichen Aufbauens", doch in den "strahlenden Augenblicken des Opfers und des Ruhmes" zu voller Offenbarung gelangen soll.
Wenn sich diese uerungen auch in erster Linie in der Ebene der gegenwrtigen faschistischen politischen Wirklichkeit Italiens bewegen, so sind sie doch einer weiteren Entwicklung fhig, im Sinne allgemeiner und ideeller gehaltener, nicht nur fr Italien allein gltiger Orientierungen. Die brgerliche Front zur Gnze und in allen ihren materiellen und intellektuellen, wirtschaftlichen und sentimentalen Verstelungen zu brechen, ist in der Tat die dringlichste Aufgabe unserer Epoche.
Die Brgerlichkeit weist drei Grundaspekte auf: sozial der erste, moralisch der zweite, sentimentalisch der dritte. Wir wollen hier in aller Krze ihre Einzelmerkmale festhalten.
Sozial gesprochen trgt die Brgerlichkeit ihre eigene Definition bereits im Wort mit sich. "Brgertum" ist gleichbedeutend mit dem "dritten Stand", genauer gesprochen mit der Klasse der in den mittelalterlichen Stdten ansssigen Gewerbetreibenden und Handwerker. Nun liegt doch klar zutage, da der "Fortschritt" der Geschichte seit dem Mittelalter sich wesentlich in einer abnormen Entwicklung des brgerlichen Elements und der nur ihm eigentmlichen Interessen und Bettigungen zusammenfassen lt, whrend die anderen, hheren Elemente der mittelalterlichen Hierarchie auerhalb bleiben - eine Entwicklung, die ganz den Charakter einer Krebswucherung aufweist. Es ist der Brger, der mit vollen Hnden den Fluch der Lcherlichkeit ber die Ideale des voraufgegangenen ritterlichen Zeitalters ausschttet. Es ist der Brger, der als erster, wie jene von Dante so sehr verachteten "neuen Leute", das Signal zur antitraditionellen Emprung gegeben hat, indem er sich das Waffenrecht aneignete, die Zentren unreiner wirtschaftlicher Macht befestigte und seinem Banner zum Durchbruch verhalf, es ist der Brger, der in den stdtischen Kommunen einen anarchischen Autonomieanspruch der kaiserlichen Autoritt entgegensetzte. Es ist der Brger, der es allmhlich dazu gebracht hat, da heute ein Anspruch als das natrliche Ding von der Welt erscheint, der in anderen - normalen - Zeiten als absurde Hresie gegolten htte: da nmlich die Wirtschaft unser Schicksal ist, der Gewinn unser Lebenszweck, das Feilschen und Handeln ein "Tun", die Umrechnung jedes Wertes in die Begriffe des "Rentierens", der prosperity, des Komforts, in Werte der Spekulation, von Angebot und Nachfrage das Wesen unserer Zivilisation ausmacht.
Aus diesem Grunde ist der Anspruch, unsere moderne Zivilisation sei eine hebraisierte Zivilisation, alles eher denn unsinnig. Moderne Zivilisation und brgerliche Zivilisation waren so fast gleichbedeutende Begriffe geworden. Der Heraufkunft des Brgers zur Macht, der durch die Revolution zuerst und dann durch die demokratischen Verfassungen endgltig von den "mittelalterlichen" Residuen losgelst wurde, dankt das Abendland seine illusorische Gre, gleichzeitig aber auch die furchtbare geistige Zerstrung, deren Zeugen wir heute sind.
Der zweite Aspekt der Brgerlichkeit ist ihr Moralismus. Es ist dies im Grunde ihr moderner Aspekt, der um so mehr unterstrichen werden mu, als ihr negativer Charakter den meisten Menschen entgeht, eben weil der Proze der Verbrgerlichung aller Werte schlielich eine einheitliche Formamentis ber alle damit zusammenhngenden Lebensuerungen gebreitet hat. In dem Text einer berlieferung, der zweitausend Jahre vor Nietzsche niedergelegt wurde, steht zu lesen: "Wenn der Weg (d. h. der unmittelbare Anschlu an die reine Geistigkeit) verloren ist, bleibt die Tugend; wenn die Tugend verloren ist, bleibt die Ethik; wenn die Ethik verloren ist, bleibt der Moralismus. Der Moralismus ist nur die Veruerlichung der Ethik und bezeichnet das Prinzip des Niederganges". In diesem Ausspruch sind klar und deutlich die verschiedenen Etappen des Niedergangprozesses unterschieden, der bis zum brgerlichen Idol hinabgefhrt hat: zum Moralismus. Ein solches Idol war den groen traditionsgebundenen Kulturen ganz unbekannt geblieben: niemals hatten sie ein auf Konvention, Kompromi, Scheinheiligkeit und Feigheit aufgebautes System der Dressur und Gleichmacherei gekannt, ein System, das seinen Geltungsanspruch auf einen minderwertigen vergesellschafteten Utilitarismus grndet, also auf ein System von "tabu" zum Schutze ungestrten Fressens, Genieens und Geschftemachens. Der Moralismus hat sich im gleichen Schritt entwickelt mit der parasitren Ausartung der brgerlichen Zivilisation des Abendlandes, soda sich seine Haltung unschwer mit den charakteristischesten uerungen der wichtigsten ideologischen Exponenten dieser Zivilisation in Zusammenhang bringen lt.
brigens mu festgehalten werden, da, wenn vor der Heraufkunft des brgerlichen Geistes nicht von Moralismus, sondern von Ethik die Rede war, doch die Ethik selbst nichts weiter ist als skularisierte Geistigkeit und laisierte Religion. Was heute den Wert einer konventionellen Moral hat und gestern den Wert einer innerlichen Ethik hatte, besa berlieferungsgem eine "sakrale" Begrndung, was in symbolischer Verhllung schon aus dem Umstand ersichtlich ist, da im Altertum jedes Gesetzessystem als "bernatrlich" geoffenbart oder "gttlichen" Ursprungs oder als von Gesetzgebern nicht einfach menschlicher Herkunft erlassen galt: Manes, Mino, Manu, Numa und so fort. Diese Tatsache erfliet aus dem eigentlichen Wesen jeder traditionsbegrndeten Kultur, die stets bestrebt ist, den Menschen mit einer Kraft von oben in Zusammenhang zu bringen, einer Kraft, die in ihrer Intensitt fhig ist, jedes niedrige, also rein menschliche Element hinwegzureien, zu beugen und zu zhmen, und so Mglichkeiten bermenschlicher Aufhhung schafft, statt jeden Aufschwung, jede Offenbarung von Kraft und Khnheit zu hemmen und zu kanalisieren, um so zur serienweisen Erzeugung von kleinen Wesen und kleinen, auf gleichgeschalteten Schienen laufenden Leben zu gelangen. Auch wenn diese Kraft von oben nicht mehr gegenwrtig ist, so bleibt doch eine Zeitlang noch ihre Spur zurck, es bleibt eine Ethik im klassischen Sinne, ein Ethos als innerliche Charakterform und traditionsverhafteter Lebensstil, begabt mit einer spontanen Liebe zur Herrschaft ber sich selbst, zur Disziplin, zum Wagnis, zur Treue oder zur Befehlsgewalt. Hat sich einmal dieses Ethos erschpft, dann beginnt die Moral und die stete Besorgnis um die guten Sitten an ihre Stelle zu treten, also der Moralismus. Der Schwerpunkt geht auf den Philister in seinen verschiedenen Masken ber: vom fanatischen Puritaner zu Candide und Babbitt. Damit kommt die innerliche Entmannung, die Normalisierung um jeden Preis, die zwangsweise Standardisierung auf der ganzen Linie zum Durchbruch. So bestand die Gefahr, auf Grund logischer Kontinuitt aus der brgerlichen Epoche auf ein noch tieferes und degradierenderes Niveau abzugleiten, insofern nmlich die methodische "Befreiung" von den "brgerlichen Vorurteilen" der "Persnlichkeit", des "Ich" und der "Willensfreiheit" zum hheren Ruhme eines kommunistischen, mechanisierten und etatisierten sozialen Konglomerats, nach dem puritanischen Standardismus das Losungswort des neuen Sowjetevangeliums geworden ist. Deshalb ist hier, wie auf anderen Gebieten (zum Beispiel auf dem der Wirtschaft, wo der brgerliche Kapitalismus kontrapunktisch gegen sich seine marxistische Antithese ins Leben gerufen hat) eine Art Nemesis oder immanenter Gerechtigkeit aufgebrochen, die Unterwhler hherer Ordnung hart zu schlagen.
Der dritte Aspekt der Brgerlichkeit ist ihr Sentimentalismus. Er ist eine ebenso typisch brgerliche Eigenschaft wie der Romantizismus selbst. Im Sentimentalen und im Romantischen kulminiert die kleine, gezhmte und "anstndige" brgerliche Seele, indem sie tief bewegt wird von poetischen Slichkeiten, melodramatischen Heroismen, pathetischen Liebeskomplikationen, oleographischen Naturverflschungen. All dies dient jedoch zu nichts anderem, denn als physische Kompensation, um praktisch seine gesellschaftlichen, beruflichen und familiren Tagesroutinen ungestrt festhalten zu knnen. In diesem Sinne ist die Behauptung keineswegs paradox, da der Idealismus, d. h. die abgebrauchte Rhetorik von den "heiligen Idealen", den "erhabenen Ideen", den "Glaubensberzeugungen" und solchen Allgemeinheiten eine ganz und gar brgerliche Angelegenheit ist: eine verschwommene und leere Sache, nur dazu geschaffen, die Abwesenheit einer schweigsam schpferischen Kraft zu bemnteln. Wir behaupten also, da eher als die Abwesenheit, vielmehr das Vorhandensein von "Idealen" und "Glaubensberzeugungen" in dem angedeuteten Sinne eine brgerliche Epoche charakterisiert. "Ideale" und "Glaubensberzeugungen" waren dagegen dort abwesend, wo sie als zu wenig empfunden wurden, wo der Mensch in bezug auf sich selbst zentral begrndet war, wo eine reine Kraft, Macht und echter Schpfungswille herrschend ist. Asketische Kulturen, kriegerische Kulturen, schpferische Kulturen haben so wenige Raum fr "Ideale" und "Glaubensberzeugungen" wie fr "Moralitten" und "Sentimentalismen". In ihnen herrschen wesenhaft bergeordnete Lebensformen - oder besser gesagt: Formen eines berlebens, ohne rhetorische oder sentimentale Expressionismen, ohne Zhmungen, ohne die Verflschungen, die notwendig dem anhaften, der auerhalb seiner selbst steht, der seinem Wesenskern gegenber schwankt und nicht in sich selbst feststeht. Dies gilt sowohl in der individuellen und "typologischen" Ebene wie in der Ebene der Rassen und verschiedenen Phasen der historischen Zyklen.
Die Revolutionen, die heute mit ihrem Ferment im heilsamen Sinne das alte Europa zu durchsetzen streben, mssen aus innerster Logik heraus sich zur Antibrgerlichkeit bekennen und in diesem Zusammenhang gewinnt die klare und eindeutige Erklrung Mussolinis und die daraus sich ergebende Behauptung des historischen Prinzips die Bedeutung eines sicheren und autoritren Beziehungspunktes. Wir sagten "aus innerster Logik", insofern historisch gesehen derartige Revolutionen in ihrem Aspekt kultureller Rekonstruktion heute in aufsteigender Richtung eine Skala durchlaufen, die Europa schon in absteigender Richtung durchlaufen hat. War doch die Macht aus der Ebene rein geistiger Autoritt auf eine aristokratisch-militrische Ebene und von dieser bis zur Ebene des Brgertums und der Demokratie herabgestiegen, von wo sie auf das Niveau der proletarisierten Masse abzusinken drohte. Die erste Phase der europischen Revolution und Rekonstruktion hatte die Aufgabe einer Vernichtung der bolschewistisch-marxistischen Gefahr. Die zweite Phase kann keine andere sein als die der Antibrgerlichkeit. Nur so wird es mglich werden, mit den Aufgaben einer hheren Weltordnung, eines aristokratischen Wiederaufbaus, in Kontakt zu treten.

(aus: Der Ring (Berlin), 7. Jg., Nr. 27 vom 6. 7. 1934, S. 426f.))



| | | | | |

| "" | FINIS MUNDI | | | |